09 Juli 2020

Walter Ernsting, Hans Dominik und Karl May – Teil 2

Aus der Serie »Der Redakteur erinnert sich«
 
Bei meinem Interview mit Walter Ernsting, das ich im März 1999 führte, ging es auch um Literatur. Welche Vorbilder hatte der Autor, der für so viele junge Leute zum Vorbild werden sollte? Und wie verhielt es sich mit seinen Vorbildern, nachdem er den Zweiten Weltkrieg überlebt hatte?

Und wie war es mit »Sun Koh«? Wie gefiel Ernsting diese Serie nach dem Krieg und mit dem Abstand einiger Jahrzehnte? Immerhin war die Serie immer wieder neu aufgelegt worden. Mit ihr schrieb der Autor Paul Alfred Müller – er benutzte das Pseudonym Lok Myler – gewissermaßen einen Vorläufer für PERRY RHODAN. Vor allem die Titelfigur wurde später gelegentlich mit dem Arkoniden Atlan verglichen – unter anderem galt Sun Koh in den Romanen als der Erbe von Atlantis.

»Ich hab den Autor bewundert, weil er damals schon das geschrieben hat, was wir heute durchackern«, sagte Ernsting. »Und was heute in manchen Fällen sogar aktuell wird. Es ist sehr interessant, und der zeitliche Abstand hat mich nicht gestört. Ich habe nichts gegen Nostalgie – wahrscheinlich liegt es daran. Deswegen verstehe ich übrigens auch nicht, dass heute einige die alten PERRY RHODAN-Romane nicht mehr so gut finden. Vielleicht sind die Leser zu überfüttert mit dem modernen Zeugs? Mir hat es nichts ausgemacht, die alten Dinger noch mal zu lesen – natürlich, manchmal musste ich schon lächeln, aber ich habe ihn bewundert, den Müller.«

Ernsting hatte Müller in den 1950er- und 1960er-Jahren tatsächlich kennengelernt. »In Murnau, ich hab ihn zwei Mal besucht. Einmal als Fan und das zweite Mal im Auftrag vom Kurt Bernhardt, ihn für PERRY RHODAN zu engagieren – was aus dem bekannten Grund nicht ging. Denn nur in der Hohlwelt … da könnten wir uns höchstens mit zehn Bänden begnügen, und dann wäre es aus.«

Ich kannte die Geschichte aus alten Berichten. Aus Sicht der Redaktion in München wäre eine Mitarbeit Müllers bei PERRY RHODAN logisch gewesen: Trotz der modernen Science Fiction war er nach wie vor einer der populärsten Autoren für phantastische Literatur im deutschsprachigen Raum.

Problematisch war aber, dass er in jedem Roman unbedingt die Hohlwelt-Theorie dargestellt wissen wollte. Das kollidierte mit den Entwürfen K. H. Scheers, der die PERRY RHODAN-Serie als eine Schilderung des Vorstoßes der Menschheit ins All verstand.

»Da stand er [Müller] drauf«, erzählte Ernsting im Interview. »Er glaubte daran. Obwohl er in ›Sun Koh‹ vier Bände gehabt hatte, die im Weltraum spielten. Der Flug zum Mond – was mich wahnsinnig fasziniert hat.« Die Erinnerung brachte ihn zum Lächeln. »Ich habe wahnsinnig viel gelernt durch die Serie. Die ganzen Länder und alles. Für uns Leser war das damals praktisch: Wir haben gesagt: ›Fluchtliteratur und mit der Serie raus aus Deutschland.‹ Das waren die Kompromisse, die der Autor damals machen musste, mit den Nazis.«

Walter Ernsting sah die PERRY RHODAN-Serie deshalb in der Tradition der deutschsprachigen Utopien. Aber er wusste zugleich, dass sie etwas Neues war. In »Sun Koh« mochten die manche Ideen erstmals verarbeitet worden sein, zu ihrem Höhepunkt hatte sie jeweils erst PERRY RHODAN gebracht.

In unserem weiteren Gespräch kamen wir dann übrigens noch auf Comics zu sprechen, mit denen er nicht viel anzufangen wusste, und auf Fans sowie andere Autoren, die er in den fünfziger Jahren kennengelernt hatte. Es war ein interessantes Gespräch für mich in jenem März in Salzburg – eines, an das ich gern und oft zurückdenke.

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