Aus der Reihe »Der Redakteur erinnert sich«
Wenn es eine typische Figur gab, wie sie nur der in Köln lebende Schriftsteller Peter Terrid erfinden konnte, war es Orpheus Chambers. Der Detektiv wurde vom Autor als eine eigenwillige Person geschildert, die zu viel wog und stets ein wenig schmuddelig aussah. Seine künstlichen Augen sorgten dafür, dass er besondere Aufgaben wahrnehmen konnte – am meisten aber faszinierte er durch seinen leicht schrägen Charakter und seine schnelle Auffassungsgabe.
Der häufig phlegmatisch wirkende Privatdetektiv mit Übergewicht trat nur in zwei Romanen auf, blieb bei mir aber in bester Erinnerung. Das ist vor allem dem Taschenbuch mit dem Titel »Gesänge aus der Unterwelt« zu verdanken, das als Band 400 der Planetenromane im Juli 1996 veröffentlicht wurde.
Ich erinnere mich noch gut an die Kommunikation, die ich mit dem Autor wegen des Manuskripts hatte und wie wir an dem Thema gerungen hatten.
Sein erstes Konzept für den Roman schickte mir Peter im April 1995. Zu dieser Zeit leitete Dr. Florian F. Marzin als Chefredakteur alle Romanserien des Pabel-Moewig Verlags und war zudem für das Programm der Moewig-Buchverlage verantwortlich. Bei der Steuerung der Planetenromane ließ er mir weitestgehend freie Hand; wir sprachen die Themen aber immer durch.
Peter Terrid leitete die drei Konzeptseiten mit einer Auflistung möglicher Romantitel ein: »Gesänge aus der Unterwelt« nannte er als erstes, »Ein Fall für Orpheus Chambers« war bereits der zweite Vorschlag, und natürlich durfte auch so etwas wie »Der Schnüffler und der Kommissar« nicht fehlen. Aber es war uns beiden bewusst, dass sich bei einem solchen Roman nur ein einziger Titel sinnvoll sein konnte …
Peter wusste, dass sein Roman für die Jubiläumsnummer gedacht war, und das sagte ich ihm bereits im Vorfeld. Also wählte er ein Thema, das über den normalen Rahmen eines PERRY RHODAN-Taschenbuches hinausgehen sollte: nicht nur eine Geschichte, die im Universum unserer Serie spielte, sondern eine Geschichte, die man auch »normalen Lesern« verkaufen konnte.
Dabei war dem Autor wichtig, seine Idee klar im Perryversum zu verankern. In seinem Exposé ging er deshalb ausführlich auf die Welt ein, auf der die Handlung spielen sollte. Shahan sollte im Chrodwhansystem liegen, das von ihm nicht weiter definiert wurde. Der Autor bezeichnete den Planeten als »eine idyllische Welt, ein idealer Urlaubsort, gewissermaßen ein planetengroßes Kurbad der Luxusklasse«.
Die Welt, so das Exposé, sollte sich auf das Thema Musik spezialisieren. »Alle möglichen natürlichen Vorgänge des Planeten wurden mit technischen Mitteln zu Klangereignissen umgewandelt« – das alles sei lange vor der Besiedelung durch die Terraner geschehen, aber die Musik sei geblieben.
Als Zeitraum für die Handlung wählte Peter die Jahre, nachdem die sogenannten Imprint-Outlaws nach Hirdobaan aufgebrochen sind. Für die eigentliche Handlung spielt das nur insofern eine Rolle, dass man eben die Figur Perry Rhodan nicht in die Geschichte packen kann – das war absichtlich so gelegt.
Der Zusammenhang war ebenfalls klar: Auf der Welt, die sich dem Tourismus verschrieben hatte, sollten vor allem prominente Leute von der Erde untergebracht werden, die von der sogenannten Imprint-Sucht befallen waren. Der Autor konstruierte also einen politischen Hintergrund für die eigentliche Geschichte.
Peter Terrid führte zudem den LFT-Kommissar in das Exposé ein. Geo Shremdoc, eigentlich eine typische Figur von Robert Feldhoff, war ab Band 1800 ein Politiker in unserer Serie, der zugleich als tatkräftig geschildert wurde. Die eigentliche Arbeit sollte aber der Detektiv leisten.
»In der Elite-Gesellschaft von Shahan wirkt Chambers natürlich restlos fehl am Platze«, so schrieb Peter Terrid in seinem Exposé, »zumal er sich auch nicht die geringste Mühe gibt, ein wenig Charme zu entwickeln.« Als ich das las, stellte ich mir bereits die Szenen vor. Für mich war der Fall an dieser Stelle klar: Das war ein Thema für einen Planetenroman, eine Mischung aus Science Fiction und Krimi, und damit konnte man auch Leserinnen und Leser ansprechen, die unsere Serie bisher nicht kannten.
Und wie brachte der Autor nun die Imprint-Süchtigen, den Hintergrund mit der vielfältigen Musik und seinen schmuddeligen Privatdetektiv zusammen? Das wusste Peter Terrid zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht. Er schlug mir drei Modelle vor, mit denen er die Handlung vorantreiben wollte. Dabei griff er auf Ideenpapiere zurück, die er bei der Autorenkonferenz vorgelegt hatte, die dort aber nicht auf große Begeisterung im Team gestoßen waren.
Als Beispiel erwähne ich eine Variante, die er mir vorschlug: »Und drittens – dies wird abhängen vom Ausgang der Konferenz in Rastatt – kann in diesem Roman erstmalig auf das geheime Wirken von Mirona Thetins Agenten in der Milchstraße eingegangen werden, gleichzeitig als kleine Kostprobe von dem, was in der Serie noch kommen wird.«
Nachdem ich das Exposé gründlich durchgelesen hatte, besprach ich es mit dem Autor. »Wir machen das«, sagte ich, »aber wir müssen unbedingt den Termin einhalten. Heyne will mit dem Taschenbuch eine Aktion machen, also brauchen wir es zeitig.«
Der Autor versprach hoch und heilig, garantiert pünktlich zu liefern. Wir vereinbarten, dass er das fertige Manuskript bis allerspätestens am 30. November 1995 abzuliefern hatte, und ich notierte den Termin entsprechend auf dem Arbeitspapier.
Ohne zu weit vorgreifen zu wollen: Der Autor schaffte den Termin nicht ganz, aber ich fand sein Manuskript richtig stark, redigierte es flott und sorgte dafür, dass es pünktlich bei den Kolleginnen im Heyne-Verlag eintraf. Im Juli 1996 wurde der Roman veröffentlicht, ausgestattet mit einem schönen Titelbild von Alfred Kelsner.
Später kam er auch noch im »Großen PERRY RHODAN-Fan-Buch« heraus. Aber das ist dann eine andere Geschichte …
(Veröffentlicht wurde diese Redakteurserinnerung vor einigen Tagen auf der Internet-Seite der PERRY RHODAN-Redaktion. Hier wiederhole ich sie aus dokumentarischen Gründen.)






