Aus der Reihe »Der Redakteur erinnert sich«
Im Herbst 1995 stellte ich in einer Runde mit Führungskräften des Verlags und dem Geschäftsführer unserer externen Agentur meine schlichten Gedanken zum Thema Marketing vor. Dabei stellte ich eine zentrale Forderung in den Raum: »Wir müssen mit PERRY RHODAN ins Internet, wir müssen an der Spitze des Fortschritts sein.«
Die meisten der Anwesenden waren schon dabei, meinen Vorschlag zu zerreden, als der Verlagsleiter mir auf einmal beisprang. Mit ihm hatte ich ansonsten ständig Probleme, an dieser Stelle war er auf meiner Seite. Aber er stellte irgendwann die entscheidende Frage: »Kennen Sie jemanden, der sich mit so etwas auskennt?«
Ich gestand, von niemanden zu wissen, der sich beruflich mit dem Internet beschäftigte. Aber mir fielen zwei Studenten ein, die ich wenige Wochen zuvor bei den PERRY RHODAN-Tagen in Sinzig kennengelernt hatte. Die beiden hießen Oliver und Mathias, sie wohnten in Karlsruhe, und sie hatten mir eine Vorstufe für ein PERRY RHODAN-Spiel vorgestellt.
»Ich kenne zwei junge Leute, die wären dafür ideal«, behauptete ich. »Die sind bestimmt in der Lage, PERRY RHODAN ins Internet zu bringen.«
Ein Internet-Auftritt sei zudem eine gute Gelegenheit, den kommenden Jubiläumsband 1800 und den »Thoregon«-Zyklus zu bewerben. »Damit sparen wir viel Geld, das wir ansonsten in Anzeigen und Plakate stecken müssten«, freute sich ein Kollege aus dem Buch-Marketing. Und so erhielt ich den Auftrag, die zwei jungen Studenten anzurufen.
Oliver Reiff und Mathias Schnurer hatten mir eine Telefonnummer gegeben, und ich stellte anhand meiner Notizen fest, dass die beiden keine zwei Kilometer von mir entfernt wohnten. Also rief ich bei der angegebenen Nummer an.
Nach einigem Vorgeplänkel stellte ich die Frage, die sie mir in späteren Jahren bei jeder Gelegenheit unter die Nase rieben: »Könnt ihr eigentlich auch Internet?« Ich schilderte ihnen mein Anliegen: PERRY RHODAN sollte einen Internet-Auftritt bekommen.
Die beiden waren alles andere als Experten für das neue Medium, was sie sogar zugaben, schlugen aber vor, gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten. Die beiden recherchierten viel, es kam zu einer Reihe von Begegnungen, und langsam kristallisierten sich konkrete Planungen heraus. Matthias, ein Kollege aus dem Buch-Marketing, der sich für neue Technologien begeisterte, bekam den Auftrag, das Projekt aus Sicht des Verlags voranzutreiben; ich sollte »nur« auf die Inhalte gucken.
Das war anfangs nicht schwer. Die beiden Studenten kannten sich mit unserer Serie sehr gut aus, ich musste anfangs nicht viel beisteuern.
Bei den ersten Gesprächen ging es zudem um technische Dinge. Wie man mir erklärte, war es nicht so einfach, eine Internet-Seite zu bauen; man brauchte eine Firma, die einem dabei half, die dafür sorgte, dass die Seite überhaupt hochgeladen wurde.
Und so wurde die erste PERRY RHODAN-Seite über den »Internet-Laden Karlsruhe« angemeldet, ein Projekt von Leuten aus dem studentischen und eher linksradikalen Milieu der Stadt. Aus diesem Grund lautete unsere erste Adresse auch www.ilk.de/perryrhodan – auf das perry-rhodan.net kam erst Monate danach Eckhard Schwettmann. Das mit dem Internet-Laden störte niemanden, also konnten wir mit den Leuten dort gut zusammenarbeiten.
Oliver und Matthias wohnten in der Weststadt von Karlsruhe, im Haus einer christlichen Studentenverbindung. Es bürgerte sich ein, dass ich mindestens einmal in der Woche – in vielen Wochen aber auch öfter – nach Feierabend bei den beiden vorbeifuhr. In ihrem Zimmer, das unter einer Dachschräge lag, stand ein Computer mit Internet-Anschluss. Wenn man in das Zimmer kam, war der Computer links unten platziert; man musste sich also auf den Fußboden setzen, wenn man damit arbeiten wollte.
Und weil wir im Verlag nach wie vor nicht einmal daran dachten, uns einen Internet-Anschluss zu verschaffen, hockt ich an vielen Abenden vor diesem Computer auf dem Fußboden. Oliver oder Matthias öffneten mir irgendwelche »Fenster«, in die ich dann Texte tippte, die sie dann hochluden. Das Ganze wirkte auf mich häufig konspirativ, was ich schon wieder lustig fand. Professionell kam mir das selbst nicht vor, aber mir war klar, dass wir etwas taten, das für unsere Serie wichtig sein würde.
In den Gesprächen entwickelten wir die ersten Grundlagen für unseren Internet-Auftritt. Wir wollten vor allem erste Inhalte vorstellen und auf den kommenden Zyklus neugierig machen.
An diesem arbeitete vor allem Robert Feldhoff intensiv, von ihm stammten praktisch alle grundlegenden Ideen, auch wenn Ernst Vlcek als der erfahrene Exposéautor viel beisteuerte. Die beiden Autoren und ich schickten uns lange Faxe, auf denen wir unsere Ideen skizzierten und diskutierten; es war eine unglaublich kreative Zeit.
Und nebenbei beschäftigte ich mich mit einem Medium, von dem ich wirklich nichts verstand. Es entstand letztlich eine Seite, die nur wenig Inhalte bot. Vor allem wollten wir Stück für Stück das umlaufende Titelbild von Band 1800 zeigen. Die Internet-Seite sollte an dem Tag online gehen, an dem Band 1800 erscheinen sollte. Aber ich bezeichnete das Ganze stets als einen Testballon; die richtige Seite sollte erst noch folgen.
Am 22. Februar 1996 kam »Zeitraffer« in den Handel, ein Roman von Robert Feldhoff. Am gleichen Tag ging unsere Internet-Seite an den Start – ich sah sie mir bei den zwei jungen Studenten im Studentenwohnheim an. Ich war ziemlich stolz auf das, was wir in dieser Zeit geleistet hatten …
(Dieser Text wurde auf der Internet-Seite der PERRY RHODAN-Serie zu Beginn des Monats Juni 2026 veröffetlicht. Hier erfolgt die wiederholte Veröffentlichung aus dokumentarischen Gründen.)

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