Aus der Serie »Der Redakteur erinnert sich«
Ab dem Spätsommer 1995 wurde die Arbeitsbelastung in der PERRY RHODAN-Redaktion immer größer. Sabine Bretzinger und ich hatten unser neues Büro bezogen, fremdelten aber noch mit der neuen Lage. Unser Chefredakteur hatte das Haus verlassen; Dr. Florian F. Marzin würde sich künftig anderen Aufgaben außerhalb des Verlages widmen. Die anderen Heftromanserien waren eingestellt worden, wir hatten Kolleginnen verloren, und wir saßen gewissermaßen am Rand des Buchverlags.
Ich trug einen neuen Titel und durfte mich Redaktionsleiter nennen. Der Titel war allerdings nur mit zusätzlichen Aufgaben verbunden und brachte keinerlei Gehaltserhöhung mit sich. Unversehens stellte ich fest, in wie vielen Besprechungen ich anwesend sein musste und wo ich gefragt war. Ich saß mit dem Verlagsleiter Buch zusammen, ich wurde zu einem der Vertriebsleiter für den Zeitschriftenbereich zitiert, ich ging mit der Kollegin für Lizenzgeschäfte zum Mittagessen, und ich hatte Unterlagen auf meinem Tisch, die wenig mit dem Inhalt von Romanen zu tun hatten.
Dabei war meine Hauptaufgabe nach wie vor, dass ich jede Woche einen PERRY RHODAN-Roman redigierte und in die Produktion gab. Ich betreute die Nachauflagen und war für die PERRY RHODAN-Taschenbücher zuständig, die ich plante und redigierte. Sabine und ich kümmerten uns um die Silberbände, die ausländischen Lizenzausgaben und begannen mit den Vorarbeiten für weitere Produktionen – so hatten wir für 1996 einen Risszeichnungsband geplant.
Vieles geschah zu der Zeit noch »händisch«: Die Autoren schickten ein Manuskript in den Verlag, das sie zwar mit einem Computer verfasst hatten – die meisten zumindest –, aber ohne Disketten lieferten. Zu der Zeit waren viele Schreibprogramme nicht kompatibel. Peter Griese beispielsweise arbeitete mit einem Olivetti-Rechner, Ernst Vlcek benutzte das Programm AmiPro, wir schrieben im Verlag mit Wordstar.
Also trafen bei uns Umschläge mit bedrucktem Papier ein, mit denen wir arbeiteten. Ich las die Manuskripte immer sofort, und bei der Lektüre hinterließ ich erste Anmerkungen. War ich damit fertig und fand das Manuskript gut, rief ich den Autor an und sprach mit ihm das Manuskript durch. Währenddessen stellte Sabine einen Vertrag aus: mit der Schreibmaschine, weil wir für die Verträge ein Formular benutzen mussten, das seit Jahrzehnten im Einsatz war.
Der zweite Arbeitsgang war das eigentliche Redigieren. Ich benutzte zwei Stifte: einen dicken blauen zum Streichen von Wörtern oder Sätzen, einen dünnen blauen zum Einfügen neuer Formulierungen oder verbesserter Sätze. Parallel dazu schrieb ich einen Vor- und einen Abspanntext, dazu den Kasten für das Personenverzeichnis. Ich redigierte zudem den PERRY RHODAN-Computer. Um den PERRY RHODAN-Report, die Risszeichnungen und die Leserkontaktseite kümmerte sich Sabine.
War ich mit dem Redigieren fertig, reichte ich das Manuskript quasi über den Tisch. Sabine packte es in eine Mappe, die sie in die Setzerei trug. In einem großen Saal saßen einige Frauen und schrieben alle Texte, die ihnen von den Redaktionen geliefert wurden, noch einmal ab. Ganz nebenbei wurden von ihnen viele Rechtschreibfehler verbessert, die vorher vielleicht im Manuskript waren,
In der Folge gab es eine Erst- und eine Zweitkorrektur; dann bekam ich die sogenannte Satzfahne auf den Tisch: Das Heft war fast druckfertig, ich musste es nur noch durchschauen. Ich machte in diesem Fall praktisch die Drittkorrektur, in der ich manchen Fehler ausbügeln konnte. Wenn das alles erledigt war, erteilte ich die Druckfreigabe – die Kollegen aus der Herstellung gaben das Manuskript dann quasi auf die andere Straßenseite zur Druckerei. Dort wurde das Ganze noch einmal überprüft: Es gab eine sogenannte Maschinenkorrektur, und ich bekam kurz vor Druck den sogenannten Andruck zur Prüfung.
Mein Problem war bei allem: Die einzelnen Arbeitsgänge in der Redaktion ließen sich flott nebenbei erledigen; hier mal eine halbe Stunde, dort mal eine Viertelstunde. Wollte ich aber einen Roman gründlich redigieren, musste ich konzentriert am Text bleiben. Nur so wusste ich beispielsweise bei Seite 20 noch, was ich auf der ersten Seite angepasst hatte. Wurde ich beim Redigieren ständig unterbrochen, hatte ich keinen Zusammenhang im Kopf.
Sabine bekam das Problem mit: Ich wurde unterbrochen, verlor den Überblick, musste mich neu in den Text einarbeiten und brauchte so viel länger für die eigentliche Arbeit. »Dann arbeite doch daheim«, schlug sie vor. »Ein Tag in der Woche, das muss drin sein.«
Ich verhandelte mit der Verlagsleitung. Mit dem Verlagsleiter, meinem direkten Vorgesetzten, hatte ich große Probleme, aber in diesem Fall verstand er mein Anliegen. Wir führten den sogenannten Redigiertag ein: Einmal pro Woche konnte ich daheim arbeiten, idealerweise an einem Donnerstag. »Es sollte halt kein Resigniertag werden«, spottete er, und da fand ich ihn sogar sympathisch.
Es gab damals keine Betriebsvereinbarung über »Home Office«; den Begriff benutzte keiner. Niemand von uns machte sich Gedanken über versicherungsrechtliche Konsequenzen. Wir richteten einfach einen Redigiertag ein, und der funktionierte richtig gut.
Und weil ich in der sehr rustikalen Zwei-Zimmer-Wohnung, in der ich damals lebte, keinen Balkon hatte, verlegte ich den Redigiertag kurzerhand ins Freie: Ich radelte im Spätsommer 1995 zum ersten Mal in den Schlossgarten von Karlsruhe, setzte mich mit meinem Manuskript an den See und arbeitete unter freiem Himmel. Das fand ich dann ziemlich produktiv …
(Dieser Beitrag erschien vor wenigen Tagen auf der PERRY RHODAN-Serie. Hier wiederhole ich ihn, weil er ja auch eindeutig biografische Themen enthält ...)

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